Dieser Job ist so wichtig für mich. Noch einmal mustere ich mich in dem milchig trüben Spiegel des heruntergekommenen Hostels. Die Bluse, die ich gestern in diesem Secondhandshop gefunden habe, war ein echter Glücksgriff. Und die Dame zu fragen, ob sie sie mir umsonst gibt, wenn ich kurz für sie einige Löcher in Kleidungsstücken stopfe, die ansonsten unverkäuflich wären, war vermutlich meine beste Idee. So habe ich mir auch noch einen passenden schwarzen Rock verdient und durfte sogar beides noch im Laden bügeln.
Meine dunklen Haare habe ich versucht in einem festen Flechtzopf zu bändigen, aber meine Locken sind einfach so dick, dass ich Schwierigkeiten habe, sie zu einer ordentlichen Frisur zu stylen. Als ich genau hinsehe, stelle ich fest, dass ich beim Tuschen meiner grünblauen Augen die Mascara leicht verschmiert habe, was ich noch schnell behebe. Ich habe sie im Müllcontainer einer Drogeriekette gefunden. Es war ein Tester, aber er war nicht leer, also nutze ich die Mascara für solche Anlässe wie heute. Diese Stadt überfordert mich noch ein wenig und sollte ich den Job nicht bekommen, muss ich schnell wieder hier weg, denn München ist unfassbar teuer. Für das Bewerbungsgespräch muss ich in eine Gegend namens Bogenhausen. Laut einer kurzen Recherche wohl eines der teuersten Viertel Münchens. Aber wer kann sich sonst auch eine Hauswirtschafterin in Vollzeit leisten?
Ich habe keine Ahnung, wie gut meine Chancen sind. Schließlich habe ich keine Ausbildung gemacht, da ich nie einen Schulabschluss machen konnte. Außerdem habe ich absolut keine Ahnung, wie viele Menschen sich auf eine solche Stelle bewerben. Ebenso habe ich noch keinen blassen Schimmer, ob ich überhaupt mit Menschen aus dieser Gesellschaftsschicht zurechtkomme. Oder sie mit mir. Aber all diese Fragen kann ich nur beantworten, wenn ich pünktlich zu meinem Vorstellungsgespräch komme und das bedeutet, ich muss jetzt los.
Als ich auf die Straße trete, merke ich erst, wie heftig es regnet. Ich schlage den Kragen meiner dünnen Jacke nach oben und versuche mich, so gut es geht, dahinter zu verstecken. Ich renne zur U-Bahnstation, denn dann bin ich wenigstens wieder schnell raus aus diesem Regenguss. Ich friere und bereue zutiefst, nicht doch meine lange schwarze Hose angezogen zu haben. Vielleicht kann ich mich noch irgendwo umziehen, denn dabei habe ich ohnehin all mein Hab und Gut. Es passt schließlich alles in meinen Rucksack und so kann mich schon keiner bestehlen, wie es mir so oft bereits passiert ist. Mein Styling heute Morgen war vollkommen umsonst. Ich fühle mich jetzt schon wie ein begossener Pudel. Aber ein paar trockene Stellen haben meine Klamotten noch. Wenigstens etwas. Darauf versuche ich mich zu fokussieren, um zumindest ein wenig meinen Optimismus zu fördern.
Und wenn es schief geht, muss ich eben woanders hin. Neu anfangen ist schließlich absolut nichts, was mir fremd wäre. Ich habe schon unzählige Male `neu angefangen´. Auch dieses Mal hat mich einer der Kerle im Obdachlosenheim auf dem Kieker gehabt. Ich hatte solche Angst vor ihm und alles, was ich mir erbettelt habe, musste ich an ihn abdrücken. Deswegen bin ich ganz weit weggegangen. Der erste Zug, der an diesem Tag ankam und voll genug war, darin unterzugehen, war ein ICE nach München, also habe ich mich vor den Schaffnern versteckt. Für mein Bahnticket heute habe ich regulär bezahlt, denn ich kann es mir nicht leisten, erwischt zu werden, weil dann das Bewerbungsgespräch hinfällig wäre. Die Aufnahme meiner Personalien dauert einfach immer viel zu lang, weil ich keinen Ausweis und keinen festen Wohnsitz habe.
Als ich aus der Bahn steige, regnet es noch immer unerlässlich. Aber was soll´s? Nass bin ich ohnehin. Ich nehme noch einmal das Papier in die Hand, auf dem ich mir den Weg notiert habe und biege nach rechts ab. Die Häuser, die ich hier sehe, kann man fast nicht als solche bezeichnen. Das sind Paläste. Je weiter ich von der Bahn wegkomme, desto extremer wird es. Immer wieder sehe ich mich um, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Mein Papier ist mittlerweile aufgeweicht. Gerade will ich es wieder zurück in meine Tasche stecken, da höre ich, wie ein Auto von hinten angerauscht kommt. Natürlich befindet sich genau neben mir eine riesige Pfütze und ich schaffe es nicht mehr, zur Seite zu springen. Das Auto weicht keinen Zentimeter aus und fährt gefühlt mit Vollgas durch die Pfütze. Das dreckige Wasser spritzt mir bis ins Gesicht. Es läuft in meine Jacke hinein und ich spüre, wie nun auch meine Bluse durch und durch nass ist. Fluchend gestikuliere ich hinter der dicken schwarzen Limousine mit Münchner Kennzeichen her. Der Fahrer scheint mich nicht einmal bemerkt zu haben. Er setzt einen Blinker und biegt ab.
Jetzt friere ich richtig. Ich zittere am ganzen Körper. Ich muss mich irgendwo umziehen. Als ich an einem kleinen Gebiet mit einigen Bäumen und Büschen vorbeikomme, verstecke ich mich dahinter und ziehe meinen Rucksack vom Rücken. Doch schon beim ersten Griff merke ich, dass mir die Kleidung darin nicht helfen wird. Offenbar hat die Pfütze auch hier Hochleistung erbracht. Alles in meinem Rucksack ist triefnass. Schnell ziehe ich das einzige aus der Tasche, das mir wirklich wichtig ist. Das Foto meiner Mutter. Aber es ist ebenfalls triefnass und ich könnte heulen, denn es wellt sich jetzt schon und macht nicht den Eindruck, als könnte ich es noch retten. Tränen der Wut und des Frustes steigen mir in die Augen. Was für eine Scheiße! Und das alles für einen Job, den ich mit diesem durchnässten Outfit ohnehin nicht bekommen werde. Dennoch werde ich da jetzt hingehen. Vielleicht bekomme ich ja wenigstens einen heißen Tee oder so.
Frustriert betrachte ich noch einmal das Bild meiner Mutter und schiebe es an die Stelle im Rucksack, von der ich denke, dass sie noch am trockensten ist. Umziehen macht jedenfalls keinen Sinn, also müssen diese stinkreichen Typen jetzt eben ertragen, dass ich patschnass ankomme.
Ich biege noch einmal um eine Ecke und dann in eine Auffahrt. Nach einigen Metern frage ich mich, ob ich falsch abgebogen bin, denn außer einem Weg und Bäumen, sehe ich nichts. Dann aber höre ich ein Auto, das mir entgegenkommt und ich wage es doch, noch ein Stück weiterzugehen. Am Steuer des Kleinwagens sitzt eine Mittvierzigerin, die akkurat gekleidet ist und sehr adrett wirkt. Wenn das meine Konkurrenz ist, kann ich gleich wieder auf dem Absatz kehrt machen. Gerade überlege ich, dies auch wirklich zu tun, als ich plötzlich das Anwesen erblicke. Es ist riesig. Eine breite Sandsteintreppe führt zu einer doppelflügeligen Eingangstür. Säulen säumen den Eingang und sogar der obligatorische Steinlöwe bewacht das Anwesen. Ein steinerner Brunnen in der Einfahrt setzt dem ganzen noch die Krone auf.
Ich erwische mich dabei, dass ich mit offenem Mund stehengeblieben bin, aber allein das Gebäude nebenan, das die Garage zu sein scheint, ist so riesig, das es vermutlich mindestens acht Fahrzeuge beherbergt. Das einzige Fahrzeug, das ich sehe, ist allerdings eine große schwarze Limousine, deren Kennzeichen mir leider nur allzu bekannt vorkommt. Vermutlich hat es eine Konkurrentin eilig gehabt, hierher zu kommen, um ihren Termin nicht zu verpassen. Deswegen war sie blind für diese Pfütze und mich. Allerdings finde ich, dass eine Person, die sich ein solches Auto leisten kann, es nicht verdient hat, einen solchen Job zu bekommen. Sie hat ihren eigenen Luxus und muss nicht an dem anderer schnuppern.
Noch einmal atme ich tief durch, versuche mein konstantes Zittern in den Griff zu bekommen und betrete dann die Treppe. Als ich die Tür erreiche, sehe ich einen Türklopfer und betätige ihn. Die Tür geht auf und ein Mann im perfekt sitzenden Anzug und weißen Handschuhen nickt mir freundlich zu.
„Guten Tag. Mein Name ist Malea Winther. Ich habe einen Termin für ein Vorstellungsgespräch.“
„Guten Tag Frau Winther. Sie sind aber nass geworden. Kommen Sie doch erst einmal herein. Ich bringe Ihnen Handtücher, damit Sie sich ein wenig trockenlegen können.“
„Danke, aber das ist doch nicht nötig.“
Leider zieht eine Frostwelle genau in diesem Moment durch meinen Körper und ich zittere am ganzen Leib.
„Und wie das nötig ist. Ich lasse Ihnen auch noch schnell einen Tee aufsetzen. Sie sind ja vollkommen ausgekühlt.“
„Danke, aber bitte machen Sie sich keine Mühe. Es geht schon.“
„Die Herrschaften brauchen ohnehin noch einen Moment. Wenn Sie die Gelegenheit nutzen wollen, um sich frisch zu machen, dürfen Sie gerne das Gäste-WC benutzen.“
Er weist mir eine Tür und macht dabei eine leichte Verbeugung. Hui, er wirkt so steif und doch so freundlich und zuvorkommend. Ich weiß nicht, ob er einfach nur eine Maske trägt oder ob er wirklich so ist. Ich selbst kann so steif sicher nicht auftreten. Ich bedanke mich jedenfalls bei ihm und schlüpfe ins Gäste-WC.
Im nächsten Moment finde ich mich in etwas wieder, was in meinen Augen nichts mit einem Gäste-WC zu tun hat. Soll das ein Witz sein? Dieser Raum ist ausgestattet mit Marmorfliesen und goldenen Armaturen. Das Waschbecken ist eine Runde Schüssel aus Stein und vor allem ist dieser Raum größer als jedes Badezimmer, das ich zuvor gesehen habe.
Als ich in den Spiegel sehe, erschrecke ich. Meine Mascara ist komplett verlaufen. Schwarze Streifen überziehen mein Gesicht als sei ich ein Zebra und meine Augen sind so dunkel verschmiert, dass ich einem Waschbär gleiche. Schnell greife ich nach einem Stück Toilettenpapier und als ich es berühre, schrecke ich kurz zurück. Es fühlt sich an wie Stoff. Das hat nichts mit dem Zeug zu tun, das ich mit viel Glück auf öffentlichen Toiletten in der Hand halte. Wow. Und mit sowas wischen die sich hier den Hintern ab? Angesichts meines Gedankens muss ich grinsen, aber genau in diesem Moment klopft es an der Tür.
„Fräulein Winther? Ich soll Ihnen Handtücher bringen. Ihr Tee ist auch aufgesetzt.“
Schnell öffne ich die Tür und eine ältere Frau lächelt mich an.
„Oje, Kindchen, Sie sind ja vollkommen durchnässt. Soll ich nachsehen, ob ich etwas für Sie zum Anziehen finde?“
Bei einem Blick auf sie, hege ich größte Zweifel, denn sie ist mindestens einen Kopf kleiner als ich und doppelt so breit.
„Das ist lieb, aber es geht schon. Danke für die Handtücher.“
Sie nickt und ich erwidere die Geste und schließe dann noch einmal die Tür. Schnell rubble ich über meine Kleidung und ziehe endlich diesen Mantel aus. Er tropft auf den Boden und das ist mir so unangenehm. Eines der Handtücher nutze ich deswegen, um die kleinen Wasserlachen aufzusaugen, die sich unter mir gebildet haben.
Als ich auf dem Flur laute Stimmen höre, wische ich endlich ganz schnell diese Wimperntusche aus meinem Gesicht und trockne noch ein Wenig meine Haare, die nun wenigstens ein wenig flacher sind, da meine Locken triefnass nicht so sehr zur Geltung kommen.
Die Stimmen werden noch lauter. Es sind eine männliche und eine weibliche Stimme, die miteinander streiten. Ich verstehe nicht, worum es geht, aber beide scheinen sehr aufgebracht zu sein. So plötzlich wie die Geräusche begonnen haben, sind sie auch wieder weg und ich husche schnell zurück auf den Flur.
„Darf ich Ihnen nun den Mantel abnehmen?“
Ich reiche ihn dem freundlichen Mann, der mir einen verstohlenen Blick zuwirft und mir offenbar etwas sagen möchte, es aber aus Höflichkeit nicht direkt tut. Mein Blick wandert an mir herunter und genau in dem Augenblick, da ich merke, dass diese Bluse komplett durchsichtig ist und mangels einen BHs nun meine Nippel deutlich zu erkennen sind, tritt eine ältere Frau auf den Flur.
„Fräulein Winther?“
„Ähm. Ja.“
Schnell wende ich mich ihr zu und strecke meine Hand in ihre Richtung aus. Sie mustert mich abschätzig von oben bis unten und starrt dann meine ausgestreckte Hand an. Offenbar hat sie nicht vor, sie zu ergreifen.
„Entschuldigen Sie bitte mein Auftreten. Ein Auto hat mich auf dem Weg hierher komplett nassgespritzt.“
„Aha.“
Sie dreht auf dem Absatz um und betritt den Raum, aus dem sie kam. Ich stehe unentschlossen da, weil ich nicht weiß, was ich tun soll. Soll ich der furchteinflößenden Frau folgen? Oder hat sich das Bewerbungsgespräch jetzt schon erledigt?
„Kommen Sie oder wollen Sie Wurzeln schlagen?“
Die Frau sieht mich nun noch überheblicher an und mir vergeht gerade die Lust auf dieses Gespräch.
„Entschuldigung.“
Ich folge ihr und betrete eine Art Bibliothek. Ein Kamin brennt in der Ecke und strahlt eine verführerische Wärme aus. Am liebsten würde ich mich davor kauern und aufwärmen. Zwei Ohrensessel stehen in perfekt arrangiertem Winkel davor. Eine große Fensterfront in den Garten steht im Kontrast zu den vollgestellten Bücherregalen. In der Mitte steht ein runder Holztisch. Dort nimmt die Frau nun Platz und zieht einen Stapel Papiere zu sich, der ganz nach meiner Bewerbung aussieht.
„Ich würde Ihnen einen Platz anbieten, aber die Polster vertragen keine Feuchtigkeit. Das werden Sie sicher verstehen.“
Ich nicke verständnisvoll, dabei finde ich es unmöglich, dass sie dann nicht auch einfach stehenbleibt.
„Sie schreiben hier nichts von Referenzen oder Berufserfahrung. Warum haben Sie sich auf diesen Job beworben?“
„Weil ich einen Haushalt perfekt führen kann. Ich kann außerdem nähen und bin handwerklich begabt. Also könnte ich auch kleinere Reparaturen erledigen.“
„Und wie groß ist Ihr eigener Haushalt? Das ist nämlich nicht mit einem solchen Anwesen zu vergleichen. Das ist Ihnen hoffentlich klar, oder?“
„Natürlich ist es das.“
Ich würde sie ja gerne mit Namen ansprechen, aber weder stand in der Stellenannonce ein Name, noch wurde er mir irgendwann genannt. Also habe ich keine Ahnung, wie ich sie ansprechen soll.
„Ich bin ganz ehrlich. Sie passen in keiner Weise in das Stellenprofil und sind ganz offensichtlich vollkommen fehl am Platz. Allein schon Ihr Auftreten lässt nicht nur zu wünschen übrig.“
„Mutter!“
Ich zucke erschrocken zusammen. Ein Mann erhebt sich aus dem Ohrensessel, der mir mit der Rückenlehne zugewandt war. Ich hatte ihn gar nicht bemerkt. Er sieht verflucht gut aus. Sein Anzug scheint maßgeschneidert zu sein. Sein Dreitagebart legt einen dunklen Schatten auf sein Gesicht. Seine Augen sind ernst und funkeln wütend. Seine Anspannung ist ihm anzusehen. Sein Blick fällt auf meine durchnässte Bluse und bleibt ganz offensichtlich an meinen Nippeln hängen. Das ist so unangenehm. Ich kann doch nichts dafür, dass diese blöde Bluse durchsichtig geworden ist, weil dieses Auto so an mir vorbeigerast ist.
„Guten Tag. Sie sind also Frau Winther? Mein Name ist Rabenwald. Ich bin der Hausherr und in diesem Zusammenhang biete ich Ihnen gerne an, sich hinzusetzen.“
Seine Mutter schnappt nach Luft und ist offenbar kurz davor einen Herzinfarkt zu erleiden. Ich empfinde seine Art als sehr angenehm.
„Schon okay. Ich mache ja wirklich alles nass.“
„Ich habe Ihnen einen Platz angeboten. Es gebietet der Anstand, dass Sie sich nach meiner Aufforderung setzen.“
Okay. Ich revidiere mein Urteil über ihn, der mir deutlich höflicher und angenehmer vorkam als seine Mutter. Der Apfel fällt eben wirklich nicht weit vom Stamm. Angesichts seiner herrischen, gebieterischen und eindringlich brummenden, fast schon knurrenden Stimme setze ich mich. Ich fühle mich mit einem Mal winzig klein.
„Gut. Mutter, dieses Gespräch führe nun ich. Du hast deinen Senf zu allen Kandidaten gegeben. Ich weiß, du verlässt mein Haus nicht, ehe ich niemanden angestellt habe, also werde ich mich heute für einen Kandidaten entscheiden, da ich dich und dein Verhalten sowas von leid bin. Und jetzt geh und pack deine Sachen. Oder lass es Joseph für dich machen, wenn du dir dafür zu fein bist.“
Sein Umgangston lässt wirklich zu wünschen übrig und das sieht seine Mutter wohl auch so, denn sie springt auf und giftet ihn an.
„Darüber sprechen wir noch.“
Daraufhin verlässt sie wütend das Zimmer, schließt die Tür aber dennoch an der Klinke ganz leise und behutsam. Das entlockt mir tatsächlich ein dezentes Grinsen. So viel Beherrschtheit in einer solch explosiven Stimmung würde ich nicht zustande bringen. Keine Chance. Dafür bin ich viel zu aufbrausend.
„Ich rede jetzt Klartext mit Ihnen. Ich will keine Haushälterin. Ich brauche niemanden, der mir hinterherputzt. Meine Köchin Hannelore hält die Küche sauber und mein Butler Joseph organisiert alles in diesem Haus. Da kann ich weiß Gott ein wenig den Wischmopp schwingen. Und eine Putzfrau kann ich auch stundenweise holen, wenn ich merke, dass mir etwas zu viel wird. Ich mache Ihnen jetzt einen Vorschlag. Wir wissen beide, dass Sie gänzlich ungeeignet für diesen Job sind, aber Sie ziehen jetzt hier ein und bleiben zwei Wochen. Nach diesen zwei Wochen verschwinden Sie so schnell wie sie auch einziehen werden. Ich zahle Ihnen für diese zwei Wochen sechs Monatsgehälter. Ich sehe und höre danach nie mehr wieder etwas von Ihnen. In der Zeit, in der Sie hier sind, müssen Sie sich um nichts kümmern, aber seien Sie nicht unfassbar laut, verbreiten Sie kein Chaos und gehen Sie mir aus dem Weg. Dann können Sie hier quasi zwei Wochen Luxusurlaub machen und werden wirklich köstlich dabei bekocht. Deal?“
Mir ist ein wenig schwindlig. Mit so etwas hätte ich im Leben nicht gerechnet. Ist das sein Ernst? Das kann ich nicht ausschlagen. Dieses Angebot ist einfach zu verführerisch und ich würde wirklich hier schlafen und wohnen?
„Hallo?“
Er schnipst vor meinem Gesicht mit einem Finger herum. Er ist ungeduldig und diese Geste katapultiert mich zurück in die Realität. Ist es dieses Geld wirklich wert, zwei Wochen bei einem solch arroganten, anstandsbefreiten Schnösel zu verbringen? Damit verkaufe ich quasi meine Seele an den Teufel. Aber ohne dieses Angebot stehe ich mal wieder vor dem Nichts. Und mit sechs Monatsgehältern könnte ich mir vielleicht zumindest eine Wohnung anmieten, was mir dann endlich ermöglicht einen Personalausweis zu beantragen und danach zum Arbeitsamt zu gehen. Ohne festen Wohnsitz hatte ich da nie eine Chance. Oh! Und vielleicht könnte ich mir sogar eine Krankenversicherung leisten. Das wäre der Wahnsinn. Ich war seit meinem Ausreißen nur noch einmal notfallmäßig im Krankenhaus. Das war aber nicht meine Schuld. Ich war nur nicht bei Bewusstsein und sitze theoretisch noch immer auf den Schulden der Behandlung. Damals hatte ich tagelang nichts zu essen gehabt und es herrschten -12°C. Der kurze Aufenthalt inklusive des Rettungswagens, der mich in die Klinik gebracht hat, hat spaßige 2.900 € gekostet. Noch habe ich nicht einen Cent bezahlt, aber irgendwann möchte ich diese Rechnung begleichen.
Verdammt, ich habe ihm noch immer keine Antwort gegeben.
„Ähm müsste ich dann hier für die Miete zahlen? Hat das Ganze einen Haken? Wo würde ich wohnen?“
„Im Bedienstetenhaus neben der Garage. Zahlen müssten Sie nichts. In meinen Augen ist das für uns beide eine Win-Win-Situation. Ich bin meine Mutter los und Sie haben ohne jeden Aufwand ein halbes Jahresgehalt.“
„Okay. Wann geht es los?“
„Ich hole den Vertrag und lasse Ihnen dann direkt von Joseph Ihr Zimmer zeigen. Im Anschluss können Sie noch ein paar Sachen aus Ihrer Wohnung holen und dann mit dem Entspannen loslegen. Ich brauche nur noch ein paar Angaben von Ihnen. Einen Moment bitte.“
Er steht auf und geht zu einem der Regale, aus dem er eine Mappe hervorholt. Aus dieser holt er einen Packen Papier und kehrt dann wieder zu mir zurück. Gemeinsam gehen wir den Vertrag durch und ich mache alle Angaben, die ich machen kann. Er versichert mir, dass er alles andere schon geklärt bekommt und nickt mir nach der Unterschrift zu.
„Dann sieht man sich vielleicht die Tage mal irgendwann. Ich muss jetzt wieder an die Arbeit. Und zu keinem ein Wort über unsere Vereinbarung. Bis dann, Malea.“
Es ist das erste Mal, dass er mich beim Vornamen nennt, und ich hasse es, was für eine Wirkung das auf mich hat. Er spricht meinen Namen mit einem Unterton aus, der mir direkt in meinen verfluchten, ausgehungerten Unterleib schießt.
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